Deutsche Unternehmen haben Start fast verpennt

GALILEO


http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,392486,00.html



Von Benjamin Triebe

Der erste Start eines Galileo-Satelliten bedeutet für
deutsche Technologie-Hersteller: Rasch überlegen, wie sie das
Projekt nutzen wollen. Denn inzwischen sind so viele Länder an dem
Vorhaben beteiligt, dass die Europäer um ihren Wissensvorsprung
bangen müssen.



Köln – Obwohl Galileo eine europäische Idee ist, ist es
längst kein europäisches Projekt mehr. Die EU kann die
Vorherrschaft des mächtigen amerikanischen GPS nicht allein
brechen, sie braucht politische Verbündete. Im September einigte
sich die EU auf eine Zusammenarbeit mit Indien, zuvor hatten sich schon
China, Israel und die Ukraine an dem Projekt beteiligt.

Galileo-Testsatellit vor dem Start: Vor allem die Chinesen wollen nicht nur Handlanger sein
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DPA
Galileo-Testsatellit vor dem Start: Vor allem die Chinesen wollen nicht nur Handlanger sein

Die
neuen Partner geben Geld und bereiten alles dafür vor, dass sich
Galileo in ihren Ländern ohne Probleme nutzen lässt.
Verhandelt wird derweil noch mit Argentinien, Südkorea, Malaysia
und einigen anderen Staaten.

„Galileo soll als weltweiter
Standard etabliert werden. Es ist strategisch klug, andere Länder
hinter sich zu bekommen“, sagt Alexander Mager, Vice President Business
von Galileo Industries, dem Koordinator der Satelliten-Entwicklung.
„Aber diese Länder werden das nicht umsonst machen“, fügt er
hinzu. Fest stehe schon jetzt: „Die Massenproduktion der Endgeräte
wird nicht in Europa stattfinden.“

Vor allem die Chinesen sind
nicht bereit, sich mit bloßen Handlangerdiensten zufrieden zu
geben – immerhin haben sie bereits Investitionen von 200 Millionen Euro
für das Projekt zugesichert. Wie Brancheninsider berichten,
zeigten Konzerne aus der Volksrepublik großes Interesse am Bau
der Atomuhren, die für die Präzision des Galileo-Signals
verantwortlich sein werden. Europas Raumfahrtindustrie hat sich
geschworen, in kritischen Bereichen nicht mit
außereuropäischen Partnern zu kooperieren. Doch der Schwur
schützt nicht vor der Angst. 

„Der Abfluss von
Kerntechnologie bereitet uns Bauchschmerzen“, so Galileo-Experte Mager.
Auch Sascha Lange von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in
Berlin warnt: „Wenn die Chinesen mit eingebunden sind, kann man sich
vorstellen, wer die Galileo-Produkte später anbieten wird.“
Bereits jetzt besteht an der Uni Peking ein Forschungszentrum, das sich
Galileo widmet. Chinesische Parter haben Aufträge für die
Entwicklung von Anwendungen unter anderem für die Fischerei
erhalten – weitere werden folgen.

„Der Weg, den die deutsche Industrie zu oft gegangen ist“

Dabei
setzt die EU in das Vorhaben große wirtschaftliche Hoffnungen.
Man geht davon aus, dass sich für Galileo-Empfänger und
Galileo-Dienstleistungen ein gigantischer Markt entwickelt. 150.000
Arbeitsplätze sollen dadurch allein in Europa geschaffen werden.
Damit in Deutschland die Joboffensive gelingt, muss der Mittelstand den
Jobmotor spielen.

DAS GALILEO-SYSTEM


Das Netzwerk Die Messgenauigkeit Die verschiedenen Dienste
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Doch
dort ist man sich der Herausforderung noch nicht bewusst. „Wir
müssen dafür sorgen, dass die kleinen und mittleren
Unternehmen der Branche eine Vorstellung von den
Galileo-Möglichkeiten bekommen“, sagt Michael Sandrock,
Vorsitzender von TelematicsPRO. In diesem Verein sind rund 100 Firmen
organisiert, die mit Datenverarbeitung und Nachrichtentechnik ihr Geld
verdienen. Sandrock warnt: „Wer jetzt wartet, geht den Weg, den die
deutsche Industrie schon zu oft gegangen ist“ – immerhin haben sich
chinesische Hersteller auch in Bereichen wie Unterhaltungselektronik
oder beim Bau von Haushaltsgeräten in nur wenigen Jahrzehnten an
die Weltspitze vorgearbeitet.

Der Kampf um den Standort
für Massenproduktion der Galileo-Geräte lässt sich schon
nicht mehr gewinnen – dafür sind die Bedingungen in China zu
verführerisch. Und im Wettbewerb um die besten
Galileo-Entwicklungen ist schnelles Handeln nötig. Das Problem:
Ein kleiner Forschungsbetrieb mit dünner Personaldecke kann nicht
mal eben eine Projektgruppe für eine Entwicklung abstellen, deren
Grundlage erst 2010 existiert.

Deswegen haben vier
Unternehmensverbände aus Berlin und Brandenburg im Sommer das
Galileo Anwendungszentrum in der Hauptstadt gegründet. Dort sollen
die 300 vertretenen Unternehmen, Hochschulen und
Forschungseinrichtungen gemeinsam nach Innovationen suchen. Zu einer
ersten Diskussionsrunde mit Vertretern von Galileo aus Brüssel und
des Raumfahrtkonzerns EADS kamen rund 90 Firmenchefs – mehr als
erwartet.

„Münchner Sippschaft“

Auch die
fernöstliche Konkurrenz war ein Thema: Einige der
Raumfahrtvertreter berichteten, sie seinen auf China-Reisen von den
Gastgebern mit Fragen geradezu überrannt worden. Der Wissenshunger
im Reich der Mitte ist gewaltig. Klar ist: „Der Wettbewerb wird hart.
Dem können wir nur standhalten, wenn wir zusammen kämpfen“,
sagt Peter Hecker, Vorsitzender des Verbands der
GeoInformationswirtschaft.

Laut Ulrich Theis vom Deutschen Luft-
und Raumfahrtzentrum (DLR) planen die Asiaten sogar ein eigenes
GATE-Programm. Ursprünglich ist GATE ein deutsches Projekt,
finanziert vom Bundesforschungsministerium. Es will Firmen und
Universitäten ermöglichen, bereits jetzt mit dem
Galileo-Signal zu forschen – lange bevor alle Satelliten im Orbit sind.
Durch GATE wird sich die süddeutsche Stadt Berchtesgaden im Sommer
2006 in ein großes Labor verwandeln, in dem  Wissenschaftler
und Ingenieure auf 65 Quadratkilometern die Zukunft simulieren. Sechs
Sendemasten werden auf den Hügeln um die Stadt das Galileo-Signal
ausstrahlen – ganz so, als seien die Satelliten schon unterwegs. Gegen
eine Gebühr können Forscher und Ingenieure dort ihre
Galileo-Erfindungen auf Tauglichkeit testen.

Eigentlich
perfekte Bedingungen, um sich für den Kampf um die besten
Galileo-Innovationen zu rüsten. Aber schon gibt es Streit
darüber, wie förderlich das Projekt für den
Technologie-Mittelstand wirklich ist. GeoInformations-Vertreter Hecker
bemängelt, kleine Betriebe – zudem nichtbayerische – hätten
es schwer, dort einen Fuß in die Tür zu bekommen.
Branchenvertreter aus Norddeutschland teilen diese Einschätzung.
Einer spricht sogar von der „Münchner Sippschaft“. Bei GATE werden
diese Vorwürfe zurückgewiesen.
Im Gegeneinanderkämpfen hat man bereits Weltniveau.

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