Forscher in Übersee

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Heimweh in den besten Köpfen

von Friederike von Tiesenhausen, Berlin

Deutsche Forscher in den USA vermissen das Interesse heimischer Unis. Mit mehr Engagement könnten sich die Hochschulen auch im internationalen Wettbewerb besser behaupten.

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Das Wahrzeichen der University of California in Berkeley
Der Glockenturm: Das Wahrzeichen der University of California in Berkeley

Die Kollegen schütteln die Köpfe. „Mach es nicht, warnen mich die meisten“, sagt Sabine Amslinger. Die promovierte Chemikerin spielt mit dem Gedanken, nach einem Forschungsaufenthalt in Berkeley nach Deutschland zurückzukehren. Doch andere Nachwuchswissenschaftler raten der 31-Jährigen, in den USA, dem gelobten Land der Wissenschaft, zu bleiben. Zu wenig flexibel sei das deutsche Hochschulsystem und zu bürokratisch. Vor allem bemängeln die jungen Forscher, dass sie daheim nicht umworben werden. „Wir vermissen, dass wir gewollt sind“, fasst der ehemalige Hochschulrektorenpräsident Peter Gaehtgens die Einschätzung vieler ausländischer Nachwuchsforscher zusammen. „Das ist der große Unterschied zwischen Deutschland und den USA. Dort wird man erkennbar gewollt. Dort bemüht sich der Professor persönlich. Das ist ein Mentalitätsproblem hier zu Lande.“

Dieses zu ändern hat sich die German Scholars Organization (GSO) auf die Fahnen geschrieben. Die Vereinigung zählt 1400 junge deutsche Wissenschaftler an US-Hochschulen, rund ein Viertel der Gesamtzahl. Bis zu 14 Prozent aller deutschen Promovierten in den Natur- und Ingenieurwissenschaften setzen ihre Karriere zeitweise oder auf Dauer in den USA fort.

Arbeitsgruppen sollen gegründet werden

Den „Brain Drain“ der klugen Köpfe auch in Deutschland zu stoppen ist nicht nur eine Frage der Mentalität. Am Mittwoch stellte die GSO in Berlin konkrete Forderungen an die Hochschulpolitik. Zuerst wünschen sich die Auslandsforscher eine sicherere Karriereplanung in Deutschland, ähnlich dem amerikanischen „Tenure Track“. Gern hätte man auch flexiblere Beschäftigungsformen und mehr Juniorprofessuren. Weiter stehen transparente Berufungsverfahren auf der Wunschliste sowie die einheitliche Ankerkennung von akademischen Leistungen. Und natürlich hoffen die Wissenschaftler auf eine verbesserte finanzielle Ausstattung für ihre Forschungsarbeit.

Politischen Rückenwind gibt es bereits. Anfang dieser Woche trafen sich vier GSO-Mitglieder mit der neuen Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Die versprach, Arbeitsgruppen zwischen jungen Forschern, Bund und Ländern einzurichten. Allerdings zweifeln einige GSO-Beiratsmitglieder, wo angesichts leerer Kassen die gewünschten Mittel herkommen sollen. Eine weitere Unbekannte ist die Föderalismusreform, in der sich Union und SPD darauf verständigt haben, den Ländern die Bildungs- und Forschungspolitik weitgehend selbst zu überlassen.

Hochschulen sollten aktiv Talente suchen

Die Forderungen der Exilforscher sind ein guter Überblick über all das, woran es im deutschen Hochschulsystem krankt. Gaehtgens, der einmal Präsident der Freien Universität Berlin war, hält die Rückkehr der deutschen Talente für den ersten Schritt, um die Hochschulen insgesamt wettbewerbsfähiger zu machen. „Die Deutschen zurückzulocken, die sowieso dem Land verbunden sind, ist ein Teil der Gesamtstrategie, attraktiver für Ausländer zu werden.“ Wenn die deutschen Universitäten es schafften, eine „gefühlte Perspektive“ für Deutsche anzubieten, dann müsste es auch gelingen, international im Wettbewerb um Spitzenwissenschaftler mitzuhalten.

Dabei könnten die deutschen Hochschulen viel von Amerika und den USA-Erfahrungen vieler deutscher Forscher lernen. Eicke Weber, Professor in Berkeley und GSO-Präsident, rät seinen deutschen Kollegen, die Mentalität an den amerikanischen Hochschulen zu studieren. „In Deutschland ist die Haltung so: Wir warten, bis sich Bewerber bewerben. Und Bewerber sind Bittsteller“, kritisiert Weber. Stattdessen sollten die Hochschulen aktiv nach Talenten suchen. Nur so ließen sich oft die besten Köpfe locken. „Wir brauchen Findungs- und keine Berufungskommissionen“, befindet auch Gaehtgens.

Bereitschaft, gefunden zu werden, ist bei den GSO-Mitgliedern da. Trotz der guten Jobangebote an den reich ausgestatteten amerikanischen Universitäten würden viele eigentlich gern nach Deutschland zurückkehren. Dabei geht es nicht nur um Heimweh. Sabine Amslinger hat sich von den Warnungen der Kollegen nicht abschrecken lassen. Sie strebt eine Stelle an einer deutschen Hochschule an. Das beste Argument ist für sie die gute Qualität der heimischen Wissenschaft trotz der schlechten Rahmenbedingungen. „Die Forschung in Deutschland braucht sich wirklich nicht zu verstecken. „


Die Heimat lockt

Abwanderung Bis zu 14 Prozent der Naturwissenschaftler und Ingenieure setzen nach der Promotion ihre Karriere in den Vereinigten Staaten fort. Dort arbeiten ungefähr 6000 promovierte deutsche Nachwuchswissenschaftler an Universitäten.

Rückkehr Die German Scholars Organization (GSO) bemüht sich, den Nachwuchswissenschaftlern den Weg zurück in die Heimat zu erleichtern. Das GSO-Büro im kalifornischen Berkeley organisiert „Fit for Germany“-Seminare.

Aus der FTD vom 08.12.2005
© 2005 Financial Times Deutschland, © Illustration: Bloomberg