Deutschland braucht endlich gute Laune


11. Dezember 2005 Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff über Stimmungskiller in Berlin, den Verkauf aller Gebäude und die Eskapaden des Herrn Deus.

Herr Middelhoff, was können Sie besser: Hosen zusammenlegen oder Unternehmen umstrukturieren?

Daß ich Hosen falten kann, habe ich am vergangenen Samstag einen Tag lang an der Kasse unserer Bielefelder Karstadt-Filiale bewiesen. Es hat richtig Spaß gemacht, in so einem eingeschworenen Team mitzumachen.

Deshalb jetzt jeden Samstag.

Natürlich nicht. Aber ich werde demnächst einen Tag im Call Center der Quelle AG unsere Berater unterstützen. Alle unsere Vorstände machen das. Das schärft den Blick für die Kleinigkeiten, die manchmal über den Erfolg entscheiden.

Und es lenkt ab von der rauhen Wirklichkeit. Sie haben jetzt 300 Millionen Euro auf dem Kapitalmarkt aufgenommen und zahlen dafür 14 Prozent Zinsen. Das nennt man eine Ramschanleihe.

Nun mal langsam. Der Kreditgeber bekommt dafür auch keine Sicherheit. Er gibt uns den Kredit für unsere treuen blauen Augen als Vertrauensvorschuß auf das, was wir dieses Jahr geleistet haben. Unter solchen Bedingungen zahlt man eben einen Risikoaufschlag.

Sie versprechen, bis Ende 2006 Karstadt-Quelle von seinen über drei Milliarden Schulden zu befreien. Wie soll das Zauberstück gelingen?

Wir haben uns entschlossen, alle unsere Immobilien zu verkaufen und künftig selbst dort nur noch als Mieter aufzutreten. Dafür suchen wir entweder einen Finanzinvestor, oder wir bringen die Kaufhausimmobilien an die Börse.

Wieviel Geld soll das bringen?

Drei Milliarden Euro plus.

Plus wieviel?

Wir haben klare Wertvorstellungen, aber ich werde einen Teufel tun, sie jetzt hier zu verraten. Wir werden nach dem Verkauf schuldenfrei sein. Und das ist für ein Unternehmen, das vor gut einem Jahr haarscharf an der Pleite vorbeigeschrammt ist, nicht ganz schlecht.

Warum sollen ausländische Investoren gerade in Deutschland Kaufhausimmobilien erwerben?

Wir haben schon 77 Kleinwarenhäuser verkauft und damit bewiesen, daß wir das können, obwohl wir monatelang von öffentlichen Zweifeln begleitet wurden. Wichtig für die Investoren ist das Vertrauen in die Mieter. Deshalb hätten wir diesen Immobiliendeal, der bei einem Komplettverkauf der Gebäude einer der größten in Europa sein wird, Anfang dieses Jahres noch nicht machen können.

Was hat sich geändert?

Wir haben in den vergangenen zwölf Monaten bewiesen, daß wir ein Geschäft drehen können. Wir haben eine klare Strategie und werden damit wieder planbar für die Investoren.

Wie sieht eigentlich Karstadt-Quelle heute aus? Wir haben nach all den Verkäufen ein wenig den Überblick verloren.

Das kann ich verstehen. Wir haben uns in sieben Monaten von zahlreichen Randbeteiligungen und 25 000 Mitarbeitern getrennt, ohne daß das operative Geschäft gelitten hätte. Das ist eine einzigartige Turn-around-Geschichte in Europa. Das honorieren gegenwärtig insbesondere Investoren aus dem angelsächsischen Raum, die sich bei uns engagieren. Sie vergleichen Karstadt-Quelle bereits mit so großen Restrukturierungen wie bei Rhodia oder Alstom. Bis vor einem Jahr waren wir ein wilder Gemischtwarenladen mit kleinen und großen Kaufhäusern, Versandhandel, Fernsehbeteiligungen, Einzelhandelsgeschäften und Cafes. Künftig werden wir ein Unternehmen mit 90 Warenhäusern und 34 Sporthäusern, Versandhandel, E-Commerce und Touristik sein. Und wir werden ein Konzern sein mit einer Eigenkapitalquote von über 20 Prozent.

Wenn Sie so schön am Verkaufen sind, warum verkaufen Sie nicht die 50-Prozent-Beteiligung am Touristikkonzern Thomas Cook?

Touristik ist Stammgeschäft. Wir glauben, daß die Touristik wieder stärker wachsen wird und daß künftig deutlich mehr Reisen im Internet gebucht werden. Dafür bieten wir die richtige Plattform: Neckermann.de. Neckermann Reisen steuert jetzt schon 70 Prozent zum Thomas-Cook-Umsatz in Deutschland bei.

Dann werden Sie Lufthansa die andere Hälfte von Thomas Cook abkaufen.

Zu Spekulationen über den Gesellschafterkreis äußern wir uns nicht. Aber wir haben die finanziellen Voraussetzungen geschaffen, größere Akquisitionen zu stemmen.

Was macht Sie eigentlich so zuversichtlich? Warenhäuser sind von gestern, die Touristik gehört Ihnen nur halb, und der Versandhandel hatte im dritten Quartal ein Minus von acht Prozent.

Das Warenhaus hat Zukunft, zur Touristik habe ich mich bereits klar geäußert, und auch der Versandhandel ist ein Geschäft mit ausgezeichneten Perspektiven. Unsere Spezialversender, unser Auslandsgeschäft und der E-Commerce laufen gut. Probleme macht uns gegenwärtig das Geschäft mit den Hauptkatalogen von Quelle und Neckermann. Doch das werden wir ändern.

Wäre es nicht gescheit, Quelle und Neckermann zu verschmelzen?

Beide Marken sind stark genug, um gegeneinander im Wettbewerb bestehen zu können – denken Sie dabei nur an VW und Audi. Aber wir werden zentrale Funktionen wie Buchhaltung, Personalmanagement bei Neckermann und Quelle ausgliedern und zu einem Servicedienstleister aufstellen, bei dem Quelle und Neckermann Dienstleistungen buchen können. Ansonsten werden Quelle und Neckermann getrennt geführt und gegeneinander im Wettbewerb antreten. Neckermann soll seine Position als Online-Anbieter ausbauen, Quelle auf Kundendienstleistungen setzen.

Das kostet noch einmal 1000 Arbeitsplätze.

Wir werden Stellen streichen müssen. Konkrete Zahlen nenne ich in Absprache mit der Arbeitnehmervertretung nicht.

Die erfolgreichen deutschen Konzerne suchen ihr Heil im Ausland. Sie sind auf deutsche Kunden angewiesen.

Was ist schlecht daran?

Die Deutschen geben kaum mehr Geld aus.

Eine Kundenstruktur mit einem Drittel Europa, einem Drittel Amerika und einem Drittel Asien würde mir auch besser gefallen. Aber alles können wir auch nicht über Nacht ändern. So schlecht sind wir im Ausland, vor allem in Osteuropa, auch gar nicht aufgestellt. Außerdem prüfen wir, ob wir nicht auch KaDeWe-Kaufhäuser in sechs weiteren Metropolen eröffnen können. Zudem: Deutschland ist besser, als Sie denken. Ausländische Investoren kaufen in Deutschland, weil sie an das Land glauben. Und wenn hier die Konjunktur wieder richtig anspringt, sind wir so gut aufgestellt wie kaum ein Konkurrent.

Aber die politische Stagnation könnte Ihnen das Geschäft verderben.

Direkt nach der Bundestagswahl erlebte der deutsche Einzelhandel tatsächlich einen seiner schlimmsten Monate überhaupt. Aber das schlägt gerade um: Im Dezember haben wir bislang ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Und wenn Sie sich gerade erholt haben, kommt 2007 die Mehrwertsteuererhöhung.

Ja, aber wir erwarten, daß sie keine so schlimmen Auswirkungen haben wird. Die Leute stellen kleinere Einkäufe zurück und ziehen größere Ausgaben etwa für eine Spülmaschine oder einen Fernseher auf 2006 vor. Wir werden also 2007 vier eingetrübte Quartale haben. Wichtig ist für uns, daß die Laune in Deutschland besser wird und daß der Reformstau aufgelöst wird.

Großaktionärin Madeleine Schickedanz kauft in großem Stil Aktien des Unternehmens. Strebt sie eine 100-Prozent-Beteiligung an?

Fragen Sie Frau Schickedanz. Sie hat mit ihrem bisherigen Engagement jedenfalls ein gutes Geschäft gemacht. Die Aktie hat seit Januar um 53 Prozent zugelegt und war in diesem Jahr der zweitbeste Wert im europäischen Retail-Index.

Sie bringen Familienaktionären Glück. Erst Bertelsmann, dann Frau Schickedanz.

Die Bewertung überlasse ich Ihnen und den jeweiligen Familien.

Eine Frage zur Unternehmenskultur. Ihr Vorvorgänger, der Pensionär Walter Deuss, verklagt das Unternehmen darauf, seinem heutigen Fahrer Überstundenzuschläge zu erstatten. Das klingt merkwürdig.

Juristisch ist seine Haltung vielleicht korrekt, da sie auf einer persönlichen Vereinbarung mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden beruht. Moralisch ist sie für mich nicht nachvollziehbar.

Sie verlassen Karstadt-Quelle ohne Auto und Fahrer?

Ja. Fest versprochen.

Das Gespräch führten Rainer Hank und Winand von Petersdorff

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2005, Nr.49 / Seite 52
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